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Workshop

Kulturtheorie und die Analyse von Religionskulturen

30. November 2018, 13 – bis 17 Uhr (Jura-Soyfer-Saal)

mit Martin Treml (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin)

Eine Kooperation zwischen dem Institut für Germanistik der Universität und dem Arbeitskreis Kulturanalyse (Organisation: Anna Babka & Christian Zolles)

Inhalt

Wenige Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, symbolisiert durch den Fall der Berliner Mauer und besiegelt durch das Ende des Sowjetimperiums, ist in den Geisteswissenschaften das Paradigma „Gesellschaft“ von dem der „Kultur“ abgelöst worden. Nach 9/11 ist die Religionsvergessenheit der Gegenwart erschüttert worden, freilich nicht so sehr im Sinn einer Rückkehr zur Religion als  allgemeiner Praxis, sondern in dem einer Reflexion darüber, was Religion nach der Säkularisierung eigentlich ausmachen soll (nicht nur die christliche, sondern auch die jüdische und muslimische). Heute stehen wir vor dem Problem, dass Konflikte über religiöse Symbole in politische umgeschlagen sind, etwa im Streit um das Kopftuch. Darüber muss nachgedacht werden, im Feld der Kultur- und Geisteswissenschaften, die vielfach vom Impetus getragen sind, Machtverhältnisse, Vorurteile und Ausschlüsse zu analysieren. Der Begriff Kultur sei daher und wegen der Gefahr des Essentialismus besser zu vermeiden. Der geplante Workshop versteht sich hingegen als Plädoyer dafür, dass es sich – auch mit Blick auf die zukünftige Berufspraxis der Studierenden – lohnt, ein breiteres Spektrum von Kulturtheorien kennenzulernen und mehr von der Geschichte diverser Praktiken zu erfahren. Vieles davon ist nicht nur in den drei westlichen Religionen begonnen worden (etwa Kranken-, Armen-, Altenpflege), sondern auch in Symbole und Traditionen übersetzt worden, die auch heute noch, oft weitgehend ungewusst und unbewusst weiterleben. Noch die säkularisierten Vorstellungen von Ehe und Familie sind weitgehend christlich geprägt.

Im Workshop wird der Blick von Theologie und Bekenntnis weg und darauf gerichtet, was der Begriff der „Religionskultur“ meint. In ihn sind Anregungen von Ernst Cassirer (Philosophie der symbolischen Formen), Max Weber (Entzauberung der Welt) und Aby Warburg (Pathosformeln als Leid und Leidenschaft) eingegangen. Religionskulturen meint nicht das, was geglaubt, sondern das, was getan und wie es getan wird. Dazu gehören Bilder und Texte, Rituale und Legenden, Essens- und Kleidervorschriften. Es entspricht Teilen des kulturell Unbewussten, womit psychoanalytische sowie bild- und religionswissenschaftliche Fragestellungen in den Fokus rücken.  Ausgangspunkt ist Sigmund Freuds Bemerkung in Totem und Tabu: „Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der Religion und der Philosophie, andererseits erscheinen sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems.“ Von da aus werden Überlegungen zur Figuration der jeweils anderen Religion, des Nachlebens von Religion und der Dialektik der Säkularisierung angestellt. Diskutiert werden die christlichen Ursprünge des europäischen Bildbegriffs, gegenwärtige Figuren des Heiligen und des Dämonischen sowie die Figur des Märtyrers als politischer Waffe.

Im Workshop werden Studierende Grundlagentexte zum Thema „Religionskulturen“ vor- und zur Diskussion stellen.  

Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft
Universität Wien
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